Abrissbirnen gegen Selbstverwaltung

[Autor: Antifa Koordination Lübeck]

Über ein bewährtes Mittel der Politik in Schleswig-Holstein: Von Norderstedt über Glinde bis nach Bad Segeberg

Am 1.November 2012 wurde das selbstverwaltete Jugendkulturzentrum „Hotel am Kalkberg“ (HaK) in Bad Segeberg abgerissen. Der SPD-Bürgermeister verfolgte seit Jahren eine ‘kompromisslose Politik‘ gegen das HaK und gegen die Jugend, so wurde auch die Skateranlage, ein Treffpunkt der Jugend, abgerissen und die legalen Graffiti-Flächen platt gemacht.

Über den Tag der Räumung ist auf dem blog des HaK nachzulesen: „Entgegen aller Erwartungen rückten schon am frühen Morgen die von der Stadt beauftragten Baufirmen an, um das seit 12 Jahren existierende Jugendhaus abzureißen.“

Treffpunkt zur gemeinsamen Anreise nach SE: HBF Lübeck | 13.00 Uhr Abfahrt: 13:11 Uhr

„HaK geräumt“ (3.11.12) http://hak.blogsport.de/2012/11/03/hak-geraeumt-2/

So berichte der Gegenwind (Gegenwind 210, März 2006) bereits über die Räumung des Sozialen Zentrums Norderstedt im Jahre 2005: „Nach der Übergabe wurde das Gelände hermetisch abgeriegelt und es folgte, was so viele befürchtet hatten, aber bis zum Schluss nicht hatten glauben wollten: Die von der Stadt beauftragte Firma begann […] mit dem Abriss.“ http://www.gegenwind.info/210/norderstedt.html

Die Zentren in Norderstedt und in Bad Segeberg wurden abgerissen. Die Parallele beider Ereignisse besteht jedoch nicht bloß darin, dass der Jugend ihr Haus genommen wurde, sondern auch darin, dass weder in Norderstedt noch in Bad Segeberg ein Konzept für die spätere kommerzielle Nutzung der Standorte vorlag bzw. vorliegt. In Bad Segeberg wird der Standort des HaK praktisch an das Fledermauszentrum verschenkt. Die Nutzung als Parkplatz(!) ist vorgesehen. Im bereits zitierten Gegenwindartikel wird für das Soziale Zentrum Norderstedt festgehalten: „Inzwischen klafft im Stadtbild, dort, wo das SZ einmal stand, eine große Lücke. […] Die Gründe dafür, dass das alles nun dem Abrissbagger zum Opfer gefallen ist, lassen sich nur mit politischen Motiven erklären.“

Politische Motive waren in Glinde bei Hamburg ebenfalls maßgeblich für den Abriss der Stabsgebäude auf dem ehemaligen Militärgelände verantwortlich. Eine Gruppe junger Menschen hatte im Vorfeld ein umfangreiches Konzept für ein selbstverwaltetes Jugendhaus in einem der Stabsgebäude entwickelt und politischen Druck auf die Stadtverwaltung aufgebaut. 2006 fand u.a. eine „symbolische Hausbesetzung“ statt, wie aus der Chronik des „Autonomen Zentrums Glinde“ hervorgeht: http://www.az-glinde.de.vu/

Die Konzepte zur Nachfolgenutzung der Stabsgebäude wurden immer wieder über den Haufen geworfen, bis die Gebäude schließlich abgerissen wurden. Zuletzt war ein Pflegeheim für die Nachfolgenutzung des Brachlandes, auf dem die Häuser einmal standen, im Gespräch, wobei der Investor auf mysteriöse Art und Weise verschwand. So berichtet die Bergedorfer Zeitung jüngst (1.11.12): „Die Fläche, auf der bis vor mehr als einem Jahr die Stabsgebäude standen, haben die ersten Gräser in Besitz genommen. Und bald werden wohl auch die ersten Birken wachsen.“ http://www.bergedorfer-zeitung.de/glinde/article173402/Kein_Pflegeheim_Glinder_entwickeln_Ideen_fuer_Brachflaeche.html

In Glinde ging es um den Kampf um ein Jugendhaus, nicht um die Verteidigung eines Hauses, trotzdem ist auch dieser verspätete Abriss der Stabsgebäude in Glinde im Jahre 2011 ein Zeichen für das politische Klima in Schleswig-Holstein. Es werden lieber Häuser abgerissen anstatt sie den eigenständig denkenden Jugendlichen in Selbstverwaltung zu übergeben bzw. zu überlassen.

Überall, wo die Politiker der „bürgerlichen Mitte“, egal ob CDU oder SPD, sich mit linken, unabhängigen Jugendliche konfrontiert sehen, lassen sie die Polizeiknüppel sprechen und versuchen durch Kriminalisierung und Diffamierung die Jugend, die ihr Maul noch aufreißt, klein zu kriegen.

Der Einsatz des Gewaltapparats gegen die unabhängige Jugend steigert sich zur Zerstörung der Häuser als symbolische Zerstörung der Jugendbewegung selbst. Das politische Motiv dahinter ist offensichtlich. So wird sich endlich wieder Ruhe gewünscht in der muffigen Kleinstadt. Die Jugend soll in „gesitteten Bahnen“ bleiben und durch Lehrer, Bullen, Sozialarbeiter und Vorgesetzte „gezüchtigt“ werden. Die Jugend soll sich zuvorderst unterordnen, die gesellschaftliche Fremdbestimmung bejahen oder wenigstens über sich ergehen lassen. Die Ausbildung zur dienlichen Arbeitskraft ist der Zweck der entmündigenden Institutionen, der Zweck von schulischer, betrieblicher und akademischer Ausbildung. Die absolute Flexibilität, Mobilität und ständige Weiterbildung wird uns als Selbstbestimmung des Individuums verkauft. Die Freiheit, die sie meinen, ist jedoch die Freiheit des Warenmarktes, wo die Arbeitskraft als eine Ware, wie jede andere, gilt.

Die Linksjugend [‘solid] Schleswig-Holstein beschreibt im Freiraumpapier, dass Freiräume gerade von denjenigen Menschen und Jugendlichen benötigt werden, die nichts weiter als ihre Arbeitskraft besitzen und somit vom Arbeitsmarkt und dem Konjunkturverlauf abhängig sind. Freiräume sind zu schaffen, da sie „den Menschen prinzipiell die Möglichkeit bieten, ihre Interessen und Bedürfnisse zu entwickeln und auszuleben. Dabei stoßen Freiräume immer wieder an ihre Grenzen, die durch die bürgerliche Gesellschaft gesetzt sind. Daher ist den Freiräumen im Allgemeinen eine notwendige Auseinandersetzung mit ihren eigenen Grenzen und den entsprechenden gesellschaftlichen Ursachen bzw. den zugrunde liegenden Bedingungen inhärent.“ (Freiraumposition: http://www.solid-sh.de/positionen/freiraeume/ )

Die Betonung der Grenzen von Freiräumen verweist auf ihre politische Aufgabe, die darin besteht, eine Praxis zu entwickeln, die auf die Befreiung der lohnabhängigen Klasse von all ihren Ketten abzielt, was die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bedeutet.

Selbstverwaltete Projekte und Initiativen sind daher „denjenigen ein Dorn im Auge, welche ihre Position durch das Modell der Selbstverwaltung bedroht und untergraben sehen. Das sind diejenigen die die Mittel in der Hand haben, Anweisungen zu geben, Entscheidung über die Köpfe der Betroffenen hinweg fällen zu können, Befehle zu erteilen, ihre Sache bereits selbst verwalten oder andere damit beauftragen können. Das sind sowohl diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, die sich die Gewinne aneignen, die Kapital ihr eigen nennen, als auch deren höchstes Verwaltungspersonal – schlichtweg, dies ist die Klasse der Kapitalisten mitsamt ihrer Strukturen.“ (Freiraumpapier)

Indem unabhängige Projekte und Jugendkultur platt gemacht werden, spielt dies den Faschisten in die Hände. So gibt es in Bad Segeberg die berechtigte Befürchtung, dass die rechte Szene, die vor dem Bestehen des HaKs die Straßen beherrschte und Nazikader hervorbrachte, sich durch die Stadtverwaltung bestärkt fühlt. Nazis und „ganz normale Bürger“ gehen Hand in Hand, wenn es darum geht linke Projekte platt zu machen. So hat auch die NPD in Bad Segeberg eine Kundgebung gegen das HaK organisiert. In Glinde, wo es gelang der Jugendbewegung für ein selbstverwaltetes Zentrum durch offene und strukturelle Gewalt das Wasser abzugraben, gibt es nun einen Klamottenladen für Nazis, rechte Jugendliche und Erwachsene zeigen sich zunehmend selbstbewusster in Glinde. Auch hier wieder eine Parallele, die nicht zufällig zustande kommt. Denn selbstverwaltete Freiräume sind immer auch antifaschistische Zentren.

In diesem Sinne gilt für uns:

Selbstverwaltete Freiräume erkämpfen und verteidigen!

Solidarität mit den Jugendlichen und Aktiven des HaK und der Initiative für ein neues Jugendzentrum in Bad Segeberg!

Demo am 1.12. „Ein Platz für die Jugend – Demo für ein neues Jugendkulturzentrum in Bad Segeberg“: http://hak.blogsport.de/2012/11/19/kommt-am-1-12-nach-bad-segeberg/

Radiointerview vom FSK mit HaK-Aktiven: „Die SPD Segeberg lässt die Polizeiknüppel sprechen: Dokumentation von Polizeigewalt und ausführliche Debatte über die Erfahrungen, Probleme und Perspektiven eines Freiraumkampfes“ http://loewenzahn.blogsport.de/2012/11/06/die-spd-segeberg-laesst-in-die-polizeiknueppel-sprechen-dokumentation-von-polizeigewalt-und-ausfuehrliche-debatte-ueber-die-erfahrungen-probleme-und-perspektiven-eines-freiraumkampfes/





Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: